Unsichtbares Leben im Boden: Wie Deutschland ein nationales Monitoring der Bodenbiodiversität aufbaut?
Wenn von Biodiversität die Rede ist, denken viele zuerst an Wälder, Vögel, Insekten oder blühende Wiesen. Ein großer Teil der biologischen Vielfalt bleibt jedoch unsichtbar. Direkt unter unseren Füßen leben Bakterien, Pilze, Springschwänze, Milben, Asseln, Tausendfüßer und Regenwürmer. Gemeinsam bilden sie komplexe Lebensgemeinschaften, die organisches Material abbauen, Nährstoffe verfügbar machen und damit entscheidend für die Funktionsfähigkeit von Böden sind. Trotzdem lässt sich bislang kaum bundesweit vergleichen, wie es dieser Vielfalt geht. Genau das soll sich ändern.
Ein gemeinsamer Rahmen für ganz Deutschland
Im August 2026 stellte das Bundesamt für Naturschutz ein Konzept für ein bundesweit harmonisiertes Bodenbiodiversitätsmonitoring vor. Es ist das Ergebnis einer fünfjährigen Arbeit des Fachgremiums „Monitoring der Bodenbiodiversität und ihrer Funktionen“ am Nationalen Monitoringzentrum zur Biodiversität. Beteiligt waren Fachleute aus Bodenzoologie, Bodenmikrobiologie und Ökologie sowie aus Forschung, Monitoringpraxis und Behörden von Bund und Ländern.
Der Ausgangspunkt ist ein grundlegendes Problem: In Deutschland gibt es bereits verschiedene Programme, die Informationen über Böden und einzelne Organismengruppen sammeln. Sie verfolgen jedoch unterschiedliche Ziele, arbeiten mit verschiedenen Methoden und erfassen nicht überall dieselben Merkmale. Dadurch lassen sich Ergebnisse nur eingeschränkt vergleichen. Eine belastbare Aussage darüber, wie sich die Bodenbiodiversität im gesamten Bundesgebiet verändert, war bisher nicht möglich.
Das neue Konzept soll diese Lücke nicht mit einem einzigen Messprogramm schließen. Vorgesehen ist vielmehr ein schrittweiser, modularer Aufbau. Bestehende Aktivitäten sollen miteinander verbunden und neue Erhebungen so gestaltet werden, dass ihre Daten langfristig vergleichbar bleiben.
Zuerst braucht Deutschland eine Ausgangsbasis
Der erste Baustein ist eine bundesweite Ersterfassung. Sie soll zeigen, welche Bodenlebensgemeinschaften unter unterschiedlichen Bedingungen vorkommen und eine Grundlage für spätere Vergleiche schaffen. Das Konzept beschreibt dafür Anforderungen an die Auswahl der Stichprobenflächen, geeignete Organismengruppen, Erfassungsmethoden, Messparameter, Begleitdaten und die Archivierung von Proben.
Gerade die Begleitdaten sind entscheidend. Die Anzahl bestimmter Bodenorganismen lässt sich nicht sinnvoll interpretieren, wenn Standort und Bodeneigenschaften unbekannt bleiben. Beim Bodenmonitoring werden deshalb biologische Informationen mit physikalischen und chemischen Merkmalen verknüpft. Dazu gehören beispielsweise Struktur und Feuchtigkeit des Bodens, Humus- und Nährstoffgehalte, Versauerung oder Schadstoffbelastungen.
Auch Nutzung und Klima spielen eine Rolle. Versiegelung, veränderte Landnutzung, Stoffeinträge, mechanische Belastungen sowie Wetter- und Klimaextreme können Böden verändern. Erst wenn solche Faktoren gemeinsam betrachtet werden, lässt sich besser unterscheiden, ob Veränderungen nur lokal auftreten oder Teil eines größeren Trends sind.
Von Regenwürmern bis zu Mikroorganismen
Bodenbiodiversität ist keine einzelne messbare Größe. Ein Regenwurm reagiert anders auf Umweltveränderungen als ein Pilz oder ein Bakterium. Genau deshalb müssen verschiedene Gruppen berücksichtigt werden.
Regenwürmer eignen sich beispielsweise gut, um bestimmte Unterschiede zwischen Standorten sichtbar zu machen. Für Deutschland wurden bereits Referenzwerte für Bodenorganismen am Beispiel dieser Tiergruppe erarbeitet. Dafür wurden potenzielle Verbreitungsgebiete, Informationen aus Roten Listen und die Eignung verschiedener Lebensräume zusammengeführt. Solche Daten können künftig helfen, Beobachtungen einzuordnen: Ist eine gemessene Gemeinschaft typisch für einen Standort oder deutet sie auf eine deutliche Veränderung hin?
Andere Organismengruppen ergänzen dieses Bild. Springschwänze gehören zu den kleinen Tieren, die in Böden leben und Teil des komplexen Nahrungsnetzes sind. Pilze und Bakterien repräsentieren wiederum einen großen Bereich der mikrobiellen Vielfalt. Das Bundesamt für Naturschutz nennt neben diesen mikroskopisch kleinen Organismen auch größere Bodenbewohner wie Asseln, Tausendfüßer und Regenwürmer.
Ein nationales Monitoring muss deshalb unterschiedliche Größenordnungen des Bodenlebens zusammenbringen, anstatt sich nur auf wenige auffällige Arten zu konzentrieren.
Warum standardisierte Methoden so wichtig sind
Für langfristiges Monitoring reicht es nicht, möglichst viele Daten zu sammeln. Entscheidend ist, dass Ergebnisse aus verschiedenen Regionen und Messperioden tatsächlich vergleichbar sind.
Wenn eine Probe anders genommen, anders gelagert oder mit einer anderen Methode untersucht wird, kann bereits das Verfahren selbst Unterschiede erzeugen. Deshalb enthält das Konzept nicht nur Empfehlungen zur Auswahl geeigneter Organismengruppen, sondern auch zu Erfassungsmethoden, Messparametern und Probenarchivierung.
Deutschland baut gleichzeitig seine gesamte Monitoringlandschaft weiter aus. Das Nationale Monitoringzentrum zur Biodiversität soll bestehende Programme aus Forschung und Praxis besser vernetzen, Datenlücken erkennen und ein umfassenderes Bild über Zustand und Veränderungen der biologischen Vielfalt schaffen.
Beim Thema Boden ergänzt dies die Arbeit des Nationalen Bodenmonitoringzentrums. Dort sollen Informationen zu physikalischen, chemischen und biologischen Bodeneigenschaften zusammengeführt werden. Neben klassischen Bodenproben können auch digitale Verfahren wie Fernerkundung und Digital Soil Mapping eingesetzt werden, um Entwicklungen auf größeren Flächen besser beurteilen zu können.
Mehr als eine Bestandsaufnahme
Der eigentliche Nutzen des Monitorings beginnt nach der ersten Erhebung. Wiederholte Messungen können zeigen, ob bestimmte Organismengruppen zurückgehen, stabil bleiben oder sich ausbreiten.
Auf dieser Grundlage sollen Referenzwerte, Indikatoren und Bewertungsansätze weiterentwickelt werden. Sie sind notwendig, um den biologischen Zustand von Böden nicht nur zu beschreiben, sondern Veränderungen über längere Zeiträume zu erkennen und besser einzuordnen.
Das Vorhaben ist deshalb auch für den praktischen Natur- und Bodenschutz relevant. Das Konzept zum Bodenbiodiversitätsmonitoring ist Bestandteil der nationalen Biodiversitätspolitik. Gleichzeitig rückt das europäische Soil Monitoring Law den Zustand der Böden stärker in den Fokus und verlangt eine systematischere Erhebung von Kennwerten zur Bodengesundheit. Ziel ist eine besser vergleichbare Datengrundlage zwischen den europäischen Staaten.
Damit wird Boden zunehmend ähnlich behandelt wie andere langfristig beobachtete Ökosysteme: Sein Zustand soll nicht erst untersucht werden, wenn Schäden offensichtlich sind, sondern kontinuierlich anhand vergleichbarer Daten.
Das Unsichtbare messbar machen
Ein bundesweites Bodenbiodiversitätsmonitoring wird nicht sofort beantworten können, wie gesund jeder Boden in Deutschland ist. Dafür fehlen zunächst Vergleichswerte und ausreichend lange Zeitreihen. Genau deshalb ist die geplante Ersterfassung so wichtig.
Sie schafft einen gemeinsamen Ausgangspunkt. Werden Organismengruppen, Probenahme, Messparameter und Begleitdaten dauerhaft nach vergleichbaren Standards erfasst, lassen sich Veränderungen künftig wesentlich zuverlässiger erkennen.
Aus einzelnen Bodenproben kann so nach und nach ein bundesweites Bild entstehen. Es zeigt nicht nur, welche Organismen unter unseren Füßen leben, sondern langfristig auch, wo sich ihre Lebensgemeinschaften verändern und welche Umweltfaktoren dabei eine Rolle spielen.
Das Leben im Boden bleibt für das bloße Auge größtenteils verborgen. Für die Forschung soll es künftig jedoch deutlich sichtbarer werden.